Aus unserem neuen Jahrbuch: Die bessere, schönere, heilere Welt

Nachricht 07. Oktober 2026

Sehnsucht ist keine Mangelerscheinung, sagt Pastorin Marianne Gorka. Sie ist eine verschlüsselte Botschaft an das Hier und Jetzt.

Marianne Gorka ist Regionalbischöfin für den Sprengel Lüneburg. Im März 2026 wurde sie in das Kuratorium der Hanns-Lilje-Stiftung berufen. (Foto: Jens Schulze)

Die »Sehnsucht« ist gerade groß in den Schlagzeilen. Angeblich wächst in Deutschland die Sehnsucht nach einem Drogenrausch. Die Generation Z sehne sich nach Glitzer, und Singles nach Verliebtsein. Die »Sehnsucht nach Ruhe« ist der Name eines »wohltuenden Schaumbads«. Was hat es mit all dem auf sich?

Marianne Gorka: Sehnsucht ist einziemlich präziser Seismograf für das,
was gerade unsere Zeit bestimmt. Wo Menschen Sehnsucht fühlen, da vermissen sie etwas. Jemand oder etwas fehlt. Derzeit sehnen sich viele nach Zugehörigkeit, nach Sicherheit, nach Stabilität und Ordnung für das eigene Leben. Angesichts der aktuellen Weltlage ist auch die Sehnsucht nach Frieden groß.

Bemerken Sie diese Stimmung in Ihrer täglichen Arbeit?

Ja, durchaus. Viele Menschen, mit denen ich spreche, leiden unter einer Art von Erschöpfung. Sie wissen nicht mehr, wie sie dieser multiplen Krisenlage Begegnen sollen. Einigemeiner Kolleginnen und Kollegen brauchen viel Kraft, um ihre positive Haltung zu bewahren. Um zu beten, und um anderen zu helfen, mit Krisen und Angst umzugehen.

Wie gehen denn diese Menschen damit um?

In unseren Kirchenkreisen suchen die Menschen sehr viel stärker den zusammenhalt. Sie bestärken sich gegenseitig, pflegen die eigene Spiritualität
oder singen gemeinsam. Umso mehr empfinden sie es als verbindend und wohltuend, eine Andacht zu feiern, sich offen auszutauschen. Denn dabei spüren sie: Wir sind gar nicht so wenige, wie es sich manchmal vielleicht anfühlt. Sie sagen sich: Diese Welt kann besser sein. Und wir alle können einen Beitrag dazu leisten – sei er auch noch so klein.

Angesichts von Kriegen, Krisen undKlimawandel ist es ja nur naheliegend, dass Menschen sich wegträumen. Dass sie sich an einen anderen Ort in einer anderen Zeit wünschen. Dass sie sich eine Verbundenheit mit anderen Menschen wünschen, die mit dem richtigen Leben nichts zu tun hat. Doch ist Sehnsucht nur ein Krisensyndrom?

Krisenzeiten, wie wir sie jetzt erleben,machen die Sehnsucht besonders  schmerzlich spürbar. Sehnsucht entsteht aus dem Bild einer besseren und schöneren, heileren Welt. Wir Menschen erinnern uns an das, was uns eigentlich ausmacht. Wir denken daran, wie friedlich alles sein könnte.Und das motiviert. Denn wo Sehnsucht ist, da ist auch ein Antrieb, alles dafür zu tun, um wieder Zufriedenheit zu spüren und Sinn zu erfahren.

Die Bibel erzählt facettenreich von dem, was ist, und von dem, was sein könnte. Kirchenräume, Liturgien und Rituale greifen die Sehnsucht der Menschen auf, sie schaffen Orte, wo Menschen ihre Sehnsucht spüren dürfen, ohne sie erklären zu müssen. Kirchenräume mit ihren alten Liturgien und Ritualen sind ein mächtiges Symbol für Beständigkeit. Sie scheinen im Weltgetriebe zu ruhen – über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Und sie strahlen eine enorme Kraft aus – sogar für Menschen, die sich normalerweise nicht als fromm oder kirchlich bezeichnen würden. Auf diese Weise zeigen sie uns: Auch wenn wir in der Gegenwart mit vielem zurechtkommen müssen, so leben wir doch auf eine friedliche und gute  Zukunft hin und wir hoffen auf Gottes beständige Treue zu uns und dieser Welt.

Auch in der Bibel geht es oft um Sehnsucht. Gibt es eine besondere theologische Bedeutung des Begriffs?

»Alles beginnt mit der Sehnsucht«, so hat es Nellie Sachs, die jüdische Literaturnobelpreisträgerin, in einem Gedicht formuliert: Sie ist in uns Menschen angelegt. Für Christen hat Sehnsucht eine zutiefst theologische Bedeutung – viele biblische Texte erzählen davon. Die christliche Sehnsucht – ebenso wie Glaube, Liebe, Hoffnung – richtet den Blick immer nach vorne. Wir alle bringen vieles mit, das uns sozusagen im Nacken sitzt – unsere Biografie, unsere Erfahrungen. Und doch geht es immer weiter: Guck nach vorne, und versuche, was du kannst. Für dieses Tun gibt uns die Sehnsucht sehr viel Kraft. Hinter dieser Sehnsucht steht eine große christliche Tradition.

»Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth! Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn«, heißt es in Psalm 84, eindrucksvoll vertont in dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Was sagen uns diese altertümlich anmutenden Zeilen heute?

Ich mag das Deutsche Requiem auch enorm gerne, insbesondere diese Zeilen. In ihnen liegt nicht nur die Kraft für den Tod, sondern auch die Kraft für das Leben. Sie sind ein Trost für die Trauernden: So schmerzlich ich meine Verstorbenen auch vermisse, so sehr glaube ich doch daran, dass sie bei Gott gut aufgehoben sind. Auf diese Weise kann ich selbst ins Leben zurückfinden.

Von ihrer theologischen Bedeutung her sind diese Zeilen eine gute Mischung
aus dem Jenseitigen und dem Diesseitigen. Denn die Botschaft des Evangeliums lautet ja nicht: Hangele dich irgendwie durchs Leben, denn die bessere Welt erwartet dich nach deinem Tod. Sondern es gibt uns den Mut und die Zuversicht für das Leben hier und heute. Damit wir unsere kleine Kraft nutzen, und möglichst viel von dem verwirklichen, wasGott sich für diese Welt gedacht hat: Bewahrung der Schöpfung, Nächstenliebe, friedliches Zusammenleben. In dieser Spannung bewegen wir uns, und wir versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen dem »schon jetzt« und dem »noch nicht«.

Auch die Nostalgie liegt ja wieder im Trend. In Berlin werden Zwanzigerjahre
Parties gefeiert, im Radio laufen die größten Hits der Achtziger und Neunziger, und sogar Donald Trumps »Make America Great Again«-Slogan weckt die Sehnsucht nach einer vergangenen Ära der Größe, die es so nie gegeben hat. Waren die Krisen von früher leichter zu ertragen?

Früher gab es andere Krisen. Wenn ich an meine Studienzeit in den 1990ern zurückdenke, dann erinnere ich mich an den Terror eines Saddam Hussein und an den Zweiten Golfkrieg. Das hat uns alle in tiefe Sorge gestürzt und zum Demonstrieren auf die Straße gebracht. Obwohl damals alles etwas weiter weg zu sein schien. Seitdem ist die Welt dank Medien und Technik sehr viel näher zusammengerückt. Das Reisen ist leicht geworden, jedes Land fühlt sich an wie nebenan, Informationen erscheinen nahezu in Echtzeit. Die Krisen der Welt rücken umso näher ans eigene Herz.

Was sagen Sie Menschen, die keine Nachrichten mehr hören wollen, und nur noch wegwollen?

Der Versuchung, sich aus der Welt zu träumen, ist verständlich. Aber man sollte hr nicht dauerhaft erliegen. Sehnsucht ist keine Mangelerscheinung. Lasst euch eure Sehnsucht nicht nehmen, sondern tut alles dafür, sie wahr werden zu  lassen. Es gibt sehr viele gute Projekte, man muss sie nur sehen und unterstützen. Öffnet euch für andere Menschen und neue Ideen, damit wir mit bunter Vielfalt und vielen Nationalitäten zusammenkommen können. Unsere Welt hat so viel Schönes zu bieten, das reicht für alle. Es gibt keinen Grund, um irgendetwas zu streiten oder zu kämpfen. Dafür sollte uns unser aller Lebenszeit zu kostbar sein.