Was KI, Rache und kolonialeKontinuitäten vereint
Rund 200 Gäste feierten in der hannoverschen Neustädter Kirche die Preisträgerinnen und Preisträger des »Hanns-Lilje-Stiftungspreises Freiheit
und Verantwortung« im Frühjahr 2025. Seit 2010 vergibt die Hanns-Lilje-Stiftung den mit 20.000 Euro dotierten Preis, eine der höchstdotierten Auszeichnungen
kirchlicher Stiftungen für Nachwuchswissenschaft, Projekte und Initiativen. Die Ausschreibung stand unter dem Thema »Die Zukunft von Politik und Gesellschaft«. Gesucht wurden bundesweit Beiträge, die Kirche und Theologie mit gesellschaftlichen Zukunftsfragen verbinden. Die Ausschreibung gliedert sich stets in die Kategorien »Wissenschaftspreis« – für herausragende wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten aller Fachbereiche – und »Initiativpreis« für erfolgreiche Initiativen und Projekte von herausragender Bedeutung. Die Auswahl trifft eine Expertinnen- und Experten-Jury gemeinsam mit dem Kuratorium der Stiftung.
In der Kategorie Wissenschaftspreis wurden zwei herausragende Arbeiten ausgezeichnet. Dr. Nicole Kunkel erhielt den Preis für ihre Dissertation »An ethical evaluation of lethal functions in autoregulative weapons systems«. Sie entwickelt darin einen ethischen Kompass für den Umgang mit KI-gesteuerten, hochautomatisierten Waffensystemen. Kunkel kritisiert den Begriff »autonome Waffen« als irreführend und analysiert die Verantwortungskette zwischen Menschen und Maschinen. Ihre Kritik betont das steigende Risiko für Unbeteiligte, die Notwendigkeit menschlicher Verantwortlichkeit und die Gefahr, dass Technik als Ausweichraum vor moralischer Verantwortung missbraucht wird. Damit liefert die Arbeit wichtige friedensethische Impulse inmitten aktueller Kriege.
Prof. Dr. Lisanne Teuchert wurde für ihre Habilitation »Die Wiederkehr der Rache. Emotionen, Überzeugungen und Praktiken aus theologischer Perspektive« geehrt. Sie zeigt, wie Rachemotive erneut gesellschaftliche und internationale Konflikte prägen, und verbindet soziologische Diagnosen mit theologischen Deutungen. Teuchert analysiert Rache auf den Ebenen von Emotionen, Überzeugungen und Praktiken und betont die Ambivalenz zwischenmenschlicher Beziehungen. Ihre Arbeit eröffnet neue Perspektiven, um Polarisierungen zu verstehen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Der »Initiativpreis« ging an den Oldenburger Arbeitskreis »Koloniale Kontinuitäten«, einen Zusammenschluss aus Kirche, Universität, Kulturinstitutionen, Initiativen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Der Arbeitskreis macht koloniale Vergangenheit und ihre bis heute wirksamen Folgen
sichtbar und thematisiert die Verbindung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus. Mit vielfältigen Veranstaltungen hat er ein breites Bündnis geschaffen und zeigt beispielhaft, wie gesellschaftliche Transformation
durch lokale Analyse, Dialog und gemeinsames Handeln gelingt.
Die Preisverleihung wurde durch den Kuratoriumsvorsitzenden Prof. Dr. Volker Kirchberg und den Geschäftsführer der Hanns-Lilje-Stiftung Prof. Dr. Christoph Dahling-Sander vorgenommen. Beide würdigten die Preisträgerinnen und Preisträger als Persönlichkeiten, die im Dialog zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Kirche und Theologie entscheidende Impulse für die Zukunft von Politik und Gesellschaft geben. Alle drei Beiträge zeigten konkrete Antworten auf friedensethische Herausforderungen und verdeutlichten, wie wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliches Engagement zusammenwirken können, um Verantwortung zu übernehmen und Zukunft zu gestalten.
Die Ausschreibung für 2027 widmet sich dem Thema »Die bildende Kraft von Kunst und Kultur«.