Der Islam-Wissenschaftler Mouhanad Khorchide fordert Muslime auf, jüdisches Leben aktiv zu schützen. Denn die Wurzeln des Islam liegen aus seiner Sicht im Judentum. Eine projüdische Haltung gehöre daher fundamental zum islamischen Glauben.
Der Islam-Wissenschaftler und Autor Mouhanad Khorchide plädiert für eine grundlegende Erneuerung des Verhältnisses von Islam und Judentum. In seinem jüngsten Buch „Ohne Judentum kein Islam“ stellt er dar, wie stark der Islam durch jüdische Überlieferungen geprägt ist. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert der Theologe, warum Antisemitismus dem Koran widerspricht, welche Verantwortung Bildungseinrichtungen tragen und wie Begegnungen Frieden stiften können. Khorchide war am Dienstagabend zu Gast beim Hanns-Lilje-Forum der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung in der Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover.
epd: Herr Professor Khorchide, im vergangenen Jahr haben Sie ein Buch mit dem überraschenden Titel „Ohne Judentum kein Islam“ herausgebracht. Was hat Sie dazu bewogen, ein solches Buch zu schreiben?
Khorchide: Vor allem nach den Ereignissen des 7. Oktober 2023 war es mir wichtig, der verhärteten Lagerhaltung eine konstruktive Perspektive entgegenzusetzen. Bei Schulbesuchen habe ich erlebt, wie rasch sich proislamische und projüdische Jugendliche in feindselige Lager spalten. Das hat maximal drei Minuten gedauert. Dabei ist eine projüdische Haltung aus islamischer Sicht kein bloßes Zugeständnis von Toleranz, sondern sie gehört fundamental zum muslimischen Glauben.
Denn wenn man den Koran chronologisch liest, also in der Reihenfolge, in der die einzelnen Texte entstanden sind, dann zeigt sich, dass sich der Prophet Mohammed am Anfang nicht auf Abraham berufen hat, um seinen eigenen Anspruch zu legitimieren, sondern vor allem auf Moses. Der taucht am häufigsten auf im Koran. Gerade jüdische Narrative dienten Mohammed als Grundlage für die Verkündigung des Islam. Ein Muslim hat daher die Aufgabe, jüdisches Leben aktiv zu schützen und zu fördern.
epd: Warum ist dieses Bewusstsein in der islamischen Welt bislang so wenig verbreitet?
Khorchide: Das liegt vor allem daran, dass politische Narrative die religiösen und theologischen Argumente überlagern. Viele Muslime begründen ihre Vorurteile primär mit dem Nahost-Konflikt. Hinzu kommt die gezielte Propaganda von Islamisten über soziale Medien, die koranische Aussagen verdreht und antijüdische Ressentiments schürt. Dabei stehen sich Islam und Judentum theologisch extrem nahe. Das zeigt sich etwa an den Speisevorschriften, die in vielen Fällen aus dem Judentum übernommen wurden. Oder daran, dass Mohammed und die frühen Muslime jahrelang Richtung Jerusalem gebetet haben. Solche Gemeinsamkeiten müssen wir im Bildungssystem, in der Jugendarbeit und in den Medien dauerhaft als Narrativ verankern.