Heimatduft

Nachricht 06. Juli 2026

Ausstellungseröffnung für Kunstprojekt der Wittinger Flüchtlingssozialarbeit

Birgit Pilz (li.) und Natascha Engst-Wrede (re.) mit Projektteilnehmerinnen_web(Foto: Regulo Rincon)

12 Holzwürfel, 12 Frauen, Farben, Pinsel und künstlerische Begleitung  – das waren die Grundzutaten für das Projekt Frauen.Leben.Hier., das am 26. Juni in Wittingen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Idee dahinter: Frauen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenbringen, Integration für Geflüchtete ermöglichen, Verständigung und Verständnis füreinander entwickeln.

„Über das gemeinsame gestalterische Tun konnten die Projektteilnehmerinnen in ein intensives Miteinander kommen, ohne die Sprache der jeweils anderen perfekt beherrschen zu müssen“, erläutert Birgit Pilz, Flüchlingssozialarbeiterin des Kirchenkreis in Wittingen. Gemeinsam mit der Wittinger Künstlerin Natascha Engst-Wrede hatte sie das Angebot vorbereitet, gefördert wurde es von der Hanns-Lilje-Stiftung im Rahmen des Förderungsschwerpunktes Kultur>>>Kirche.

Von der Hoffnung, anzukommen und dazuzugehören erzählen die Werke, die während des Projektes entstanden sind. 12 Holzwürfel wurden bemalt, immer im Wechsel von zwei Frauen, eine davon geflüchtet, die andere in der Region Wittingen beheimatet. „Die Werke stehen für ganz persönliche Geschichten“, erlebte Andreas Ritter, Wittinger Oberbürgermeister. Zur Ausstellungseröffnung in der Kreisvolkshochschule in Wittingen betonte Ritter den Wert des Zusammenwirkens: „Es entsteht etwas, was keiner allein hätte schaffen können. Das gilt auch für unsere Gesellschaft insgesamt. Miteinander schafft die besten Ergebnisse.“ So könne Integration dort gelingen, wo Menschen sich kennenlernen und Verständnis füreinander entwickeln würden.

Viele Vernissagebesuchende trotz Rekordtemperaturen. (Foto: Regulo Rincon)

Trotz hochsommerlichster Temperaturen waren mehr als 120 Menschen der Einladung zur Vernissage gefolgt. „Mich beeindruckt, was hier geschaffen wurde“, begrüßte Superintendent Christian Berndt das Publikum. „Es schenkt mir Hoffnung für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Wenn 12 Frauen das geschafft haben, warum dann nicht wir als Gesellschaft insgesamt?!“ Berndt berichtete ganz persönlich von seinen biografischen Erfahrung als Kind von Flüchtlingskindern. „Das hat mich und meine Familie tief geprägt.“ Heimat sei dabei für ihn nicht nur der Ort, an dem er aufgewachsen sei. Im Laufe seines Lebens seien weitere Orte dazu gekommen. „Heutige Biografien schaffen Heimaten im Plural. Und für mich als Christ geht es dabei nicht nur um Orte, sondern auch um Zugehörigkeit und um Beziehung zu Gott.“

Wo aber beginnt Zugehörigkeit? Wie kann Verbindung zwischen Menschen entstehen, die aus unterschiedlichsten Lebenswelten kommen? „Die Kunstwerke entwickelten sich parallel zu Vertrauen und Verständnis füreinander“, erlebte im Projektverlauf die Wittinger Künstler Natascha Engst-Wrede, die das künstlerische Konzept entwickelte und die Teilnehmer:innen in ihrem Tun anleitete. Wöchentliche Treffen über zwei Monate waren es, in den nicht nur die 12 bemalten Holzwürfen entstanden, sondern auch die Heimatboxen, in denen jede Teilnehmerin zeigte, was für sie Heimat ausmacht. Parfüm aus Persien, Maismehl aus Venezuela, erdige Kartoffeln aus Mahnburg, Gebetsketten, Schmuckschatullen, Babykleidung aus der Ukraine – all diese Dinge erzählen von der Sehnsucht und der Erinnerung der Frauen, die sich mutig den Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit und Ankommen stellten.

12 Frauen, 12 Holzwuerfel (Foto: Regulo Rincon)

„Alle sind in Resonanz miteinander gegangen, die Werke erzählen davon.“ Diese Intensität habe sie besonders berührt, sagt nicht nur Künstlerin Engst-Wrede. „Das Staunen darüber, was die anderen mitgebracht haben stellvertretend für ihren Sehnsucht und ihre Erinnerung an Heimat hat mich sehr bewegt“, sagt Projektinitiatorin Birgit Pilz.

Zitate

„Ich fühle mich überall als Ausländerin. Oft bin ich einsam. Ich wünsche mir, mein Leben akzeptieren zu können, ohne mich zu beklagen. Wir können nicht glücklich sein ohne Dankbarkeit für das, wir haben.“
Leen, 17jährige Gymnasialschülerin, seit 15 Jahren auf der Flucht, seit 18 Monaten in Deutschland

„Ich bin zufrieden, ich fühle mich wohl. Ich darf hier machen, was ich will. Das war vor vier Jahren ganz anders. Und wollte nur zurück nach Hause. Bei aller Dankbarkeit wünsche ich mir berufliche Anerkennung. Denn meine Qualifikationen werden hier nur in Teilen akzeptiert.“
Olena, Professorin für Baumechanik

„Schritt für Schritt baue ich mein Leben neu auf. Ich habe das B2-Sprachniveau erreicht und mache gerade den deutschen Führerschein. Ich liebe es, Menschen zu helfen und starte jetzt eine Ausbildung zur Pflegekraft. Ich bin Deutschland sehr dankbar für die Aufnahme und für die Sicherheit.“
Intsar, Medizinerin und Journalistin

„Wir wollten für unsere Kinder eine bessere Zukunft. Ich bin glücklich, weil meine Kinder gut sind in der Schule und mein Mann Arbeit hat. Aber ich bin nicht mit meiner ganzen Familie hier. Alles, was ich bin, hat mir Venezuela gegeben. I miss it every day.“
Ana Gabriela, Marketingfachfrau

Weitere Informationen

Die Ausstellung Frauen.Leben.Hier. ist bis zum 9. Oktober 2026 in der Kreisvolkshochschule Wittingen (KVHS) zu sehen.

Öffnungszeiten*
Mo – Do 9 – 14 Uhr
Fr 9 – 12 Uhr
Am Zimmerplatz 12, 29378 Wittingen

* In den Sommerferien ist die KVHS geschlossen.