Aus unserem neuen Jahrbuch: Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.Sehnsuchtsort Wettbüro

Nachricht 16. September 2026

Schnelles Geld ist eine uralte menschliche Sehnsucht.

Rudolfo Cvetko kam mit 22 Jahren nach Deutschland. (Foto: Jens Schulze)

Bundesliga Frauen: Am Abend wird der HSV gegen Bayer Leverkusen spielen. Die Wettquote steht 1:5 für Leverkusen. Also muss ich, wenn ich meinen Einsatz vervielfachen will, auf den HSV setzen. Surrend saugt der Automat meinen 20-Euro-Schein ein und spuckt den Wettschein aus. ≫Bestimmt hast du Anfängerglück!≪ Der Mann hinter dem Annahmetresen nickt mir aufmunternd zu. ≫Dann kannste dir hier 100 Euro abholen, minus Gebühren. Kommste morgen vorbei.≪

Und schon geht es los in meinem Kopf. Ich denke an die Fußballerinnen des HSV, wie sie sich auf das Spiel vorbereiten und dabei sehnsüchtig auf Torchancen hoffen. Sollten sie das Spiel gewinnen – sie hatten sich den Sieg erkämpft. Für mich dagegen wäre der Geldregen unverdient. Aber warum sollte ich nicht auch einfach mal Glück haben, wider alle Wahrscheinlichkeit?

Das Wettbüro ist ein winziger Eckladen. Ein paar Automaten, ein paar Bildschirme mit Tabellen, das war’s. Hin und wieder kommt ein Kunde herein, gibt seine Wette ab und verschwindet wieder wortlos durch die Tür.

Ein hochgewachsener Mann steht neben dem Wetttresen. ≫Anfängerglück ist eine Falle≪, warnt er mich. Er ist eine auffällige Gestalt mit weisem, gekraustem Bart. Sein schwarzer Mantel ist ohne jeden Fussel, der Kragen ist hochgeklappt. ≫Gewinnst du, kommst du wieder. Verlierst du, kommst du auch wieder, weil du dein Geld zurückhaben willst.≪ Rudolfo Cvetko: In Hannovers Sportwettenszene ist er ein altbekanntes Gesicht, seit vielen Jahren arbeitet er hier hinter den Wettannahmetresen.

Gewinnen und Verlieren, unwahrscheinliches Glück und schnelles Geld: Darum geht es in den Geschichten, die in dieser Männerwelt kursieren. Eine geht so: Ein Familienvater gewann eine sechsstellige Summe und finanzierte damit ein Eigenheim. Die meisten Geschichten aber, sagt Rudolfo, haben kein Happy End.

Es ist eine Binsenweisheit: Würden Wettbüros ihren Kunden echte Chancen auf üppige Gewinne bieten, würden sie kein Geld verdienen. Also handeln sie wohl mit einer anderen Ware, und auch die zieht recht gut: mit dem Thrill des hoffnungsvollen Wartens. Mit der Sehnsucht nach dem Geld, das ein anderes Leben ermöglicht. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Wonach sehnen sich wohl die Menschen, wenn sie mit unbewegtem Gesicht ihre Tipps in den Touchscreen des Terminals tippen? Rudolfos Antwort ist gnadenlos: ≫Das ist keine Sehnsucht. Das ist Sucht.≪

Sportwettende kommen aus allen Schichten, erzählt er. Die einen verzocken ihre Sozialhilfe, andere steigen direkt mit 10.000 Euro Einsatz ein. Die einen opfern einen Glücksgroschen, um dem Schicksal eine Chance zu geben, andere hangen am Wettterminal wie an einer Schnapsflasche.

In dem Wettbüro, in dem Rudolfo arbeitet, geht es zu wie in einer Kneipe, und das von morgens bis abends. Manchmal wird es emotional. Es ist schon vorgekommen, dass er einschreiten musste. ≫Aber nie habe ich jemanden geschlagen≪, sagt er. ≫Niemals.≪

Einmal war ein Kunde in unübersehbar schlechtem Zustand, erinnert sich Rudolfo. Er machte ihm ein Angebot, bevor dieser seinen Bankkredit verwettete: ≫Möchtest du, dass ich dir Hausverbot erteile?≪ Das war ernst gemeint. Der Mann erklärte sich einverstanden. Gierig verschlang er die Dönertasche, die Rudolfo ihm zur Feier des Hausverbots spendierte: Er hatte den eigenen Hunger nicht bemerkt.

Das mit dem schnellen Geld kann Rudolfo ein bisschen verstehen. ≫Manchmal kann man sich mit Geld Gesundheit kaufen≪. Der 66-Jahrige hat viele Krankheiten zu kurieren: Er hat den Darmkrebs und mehrere Herzinfarkte überlebt. Er leidet unter Diabetes, Asthma, COPD. Einmal hat ein Freund eine passende Behandlung im Ausland gefunden. Er schlug vor, die Reise mit einem gemeinsamen Urlaub zu verbinden. Rudolfo war begeistert – doch die Behandlung war zu teuer.

Wonach sehnt sich Rudolfo, wenn er – den Ellenbogen auf den Wetttresen gestützt – seinen Blick über Wetttabellen, Terminals und blasse Männergesichter gleiten lasst? ≫Gesundheit ≪, sagt er. ≫Gesundheit, und dann noch einmal Argentinien sehen.≪

Rudolfo ist Weltbürger mit doppelter Staatsbürgerschaft: deutsch und argentinisch. Seine Familienmitglieder leben über die Kontinente verstreut, ihn selbst hat es immer in die Ferne gezogen. Sein Vater war Österreicher, seine Mutter Ukrainerin mit deutschem Pass. Das junge Paar war nach dem Zweiten Weltkrieg nach Buenos Aires ausgewandert.

Mit 22 Jahren entschloss sich Rudolfo, sein Glück in Deutschland zu versuchen. In Hannover fand er Arbeit in einem Metallbetrieb. Später wurde die niedersächsische Hauptstadt das Basislager für seine vielen Reisen – immer auf der Suche nach gleichgesinnten Menschen und gut bezahlter Arbeit. In Salzburg, Österreich, hatte er das fast gefunden.

In der Bildergalerie seines Handys hat Rudolfo Fotos gespeichert. Sie zeigen ihn mit dunklem Haar und modisch frisiertem Bart inmitten eines gut gelaunten Teams. Die Sommer-Jobs in der Salzburger Nobelgastronomie haben ihm viele Jahre gutes Einkommen gebracht. Er wischt durch die Fotogalerie. Rudolfo, lachend, in einem Bentley. Rudolfo mit Franz Beckenbauer.  Rudolfo mit Thomas Gottschalk. Rudolfo mit Mario Barth.

Und was war mit den Frauen? ≫Den Frauen sage ich immer, dass ich aus Argentinien komme≪, lacht Rudolfo. ≫Das wirkt.≪ Verheiratet war er einmal, die Ehe wurde geschieden. Und was ist mit Kindern? ≫Tja, Kinder. Sehr gerne hatte ich welche gehabt.≪

Eines Tages, im Salzburger Nobelrestaurant, stürzte Rudolfo mit einem kippeligen Minibar-Wagen. Drei Finger knickten um, der Mittelfingerknochen sprang aus dem Gelenk. An die hübsche Ärztin erinnert er sich bis heute. Sie griff seinen Mittelfinger und sagte: ≫Das wird jetzt ein bisschen wehtun …≪

Das war’s mit Salzburg. Zwar bot ihm noch jemand einen Job im Management an, doch Rudolfo sagte ab: Der Höhenflug war vorbei, plötzlich hatte er Heimweh nach Hannover. Seine Zeit in den Wettbüros begann – und auch die wäre nicht übel gewesen. Doch dann folgte Krankheit auf Krankheit. ≫Aber Gott hat mich jedes Mal am Leben gelassen≪, sagt Rudolfo. ≫Und manchmal frage ich mich, warum.≪

Die Sehnsucht kommt zu Rudolfo in den hannoverschen Wintern. Dann macht ihm die Lunge zu schaffen, und die klamme Kalte schlagt ihm aufs Gemüt. An solchen Tagen schaut er in den trüben deutschen Himmel und träumt von der Hitze in den Strasen von Buenos Aires.

War es damals die falsche Lebensentscheidung, Argentinien zu verlassen? ≫Ach nein≪, sagt Rudolfo. Dann erzählt er von Straßenkriminalität und der Frustration, die aufkommt, wenn nichts funktioniert. ≫Als ich 2010 das letzte Mal dort war, habe ich festgestellt: Im Grunde bin ich viel zu deutsch für Argentinien.≪

Ein junger Mann betritt das Wettbüro. Er ist schlank, sportlich und sieht aus wie einer, den jeder Trainer gerne in seiner Mannschaft hatte. Aber auch er mochte die Spiele gewinnen, ohne dafür schwitzend über Fußballplätze zu jagen.

≫Ich mag ja meine Krankheiten haben≪, sagt Rudolfo und blickt dem Jugendlichen hinterher, der mit dem Wettschein durch die Ladentür verschwindet. ≫Aber ich war Gott sei Dank niemals spielsüchtig. Ich habe mein Leben gelebt.≪ Rudolfo wird in Hannover bleiben.

Denn hier findet er in seinen Handy-Kontakten eine lange Freundesliste. Hier singen vor seinem Fenster die Vögel, und er hat eine Hausärztin, die seine Sorgen mit fröhlichem Optimismus verscheucht: ≫Ach Rudolfo, du wirst noch alt wie ein Stein!≪

Aber eine Sache ist da noch. Sobald seine Gesundheit es zulasst und das Geld reicht, wird er nach Argentinien fliegen. Dort wird er ein großes Stück Rindfleisch essen, mit einem Glas Rotwein dazu. ≫In Hannover bin ich in guten Händen. Aber in Argentinien schlägt mein Herz.≪

Ubrigens hat der HSV an diesem Tag erwartungsgemäß gegen Leverkusen verloren – zu meiner großen Enttäuschung. Irgendwie hatte ich mir Hoffnungen gemacht.

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