Aus unserem neuen Jahrbuch: Über Flucht und Rettung

Nachricht 09. September 2026

Katja Riemann und Sandra Bils im Literaturhaus St. Jakobi Hildesheim

Katja Riemann zieht die Gäste in ihren Bann. (Foto: Chris Gossmann)

Ein frühsommerlicher Abend, die Türen des Literaturhauses St. Jakobi stehen offen, und aus dem Inneren dringt ein Stimmengewirr, das entsteht, wenn Menschen etwas erwarten. Nicht irgendetwas oder irgendeine Person, sondern Katja Riemann.

Die Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz besetzt. Als Riemann die Bühne betritt, ist es nicht die Schauspielerin aus Filmen, sondern eine andere Präsenz: ernst, konzentriert, getragen von Erfahrungen und bei alledem lebensfroh. Vor ihr liegt »Zeit der Zäune«, ihr neu erschienenes Buch. Darin erzählt sie von Orten, die man lieber nicht sehen möchte: Camps, provisorische Städte aus Planen und Staub. Orte, an denen Flüchtlinge auf Entscheidungen warten und ihr Leben so weit wie möglich lebenswert gestalten.

Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichtete, Riemann sei »in besonderer Mission« gekommen. Und tatsächlich: Sie liest nicht einfach, sie führt. Sie nimmt das Publikum mit in diese Räume, die sie allein bereist hat, ohne Kamerateam. Und sie lenkt den Blick besonders auf kreative Maßnahmen der Menschen in diesen offiziellen und inoffiziellen Lagern, auf Aktivitäten, die von Hoffnung, Kraft und Zuversicht inmitten des Leids zeugen. Neben ihr sitzt Sandra Bils. Sie ist die Pastorin, die auf dem Kirchentag 2019 mit ihren Worten »Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt« vieles angestoßen hat. Aber auch die, die aneckte als Mitbegründerin von United4Rescue. Der unabhängige Verein unterstützt aus Spenden die zivile Seenotrettung im Mittelmeer. Nun kommen beide ins Gespräch, die kirchliche und die künstlerische Aktivistin, und  formulieren gemeinsame Perspektiven. Beiden gelingt es durch ihre Erzählungen, eine Nähe zu schaffen zwischen den Menschen aus ihren Erzählungen und den Gästen. Diese Geschichten seien es, so Riemann, die den abstrakten Diskussionen um Geflüchtete das Menschliche zurückgeben.

Als die Gäste später in die Hildesheimer Nacht hinaustreten, ist es stiller
als zuvor. Ein signiertes Buch oder einen Flyer in der Hand, vor allem:
neu verankert. Es war eben einer jener Abende, an denen Literatur nicht nur
erzählt, sondern ergreift und eingreift. Die Jahre 2024 und 2025 im Literaturhaus St. Jakobi waren programmatisch geprägt von Veranstaltungen,
die versuchten, die Welt ein Stück verständlicher zu machen: Lesungen
über Krieg und Identität, Abende mit Autorinnen wie Katja Petrowskaja
über die Ukraine, Gespräche über Demokratie und Zivilgesellschaft, Diskussionen über den Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen, Schreibwerkstätten oder auch einfach die Bereitstellung der Bank vor der Kirche, um zur Ruhe zu kommen.

Intendantin Sarah Sophia Patzak hat das Literaturhaus St. Jakobi zu einem Ort entwickelt, der atmet, reagiert, sich einmischt und Menschen zusammenbringt. Ihre Nachfolgerin Nina Göldner will darin nicht nachlassen und arbeitet bereits an den nächsten Kooperationen der Kulturkirche mit Initiativen oder auch dem NDR, um weit über Hildesheim hinaus auszustrahlen.

Das Literaturhaus St. Jakobi ist eine der vier signifikanten Kulturkirchen, die durch die Hanns-Lilje-Stiftung und die hannoversche Landeskirche strukturell gefördert werden. Zusätzlich wurden 2024 und 2025 jährlich 18 Projekte kirchlicher Kulturarbeit vor allem im ländlichen Raum unterstützt. Beispielhaft genannt sei das Ausstellungsprojekt auf dem Friedhof in Idensen, das partizipative Kunstprojekt zu Menschenwürde in Rhauderfehn und das Kunstprojekt zu Geschichte und Geschichten in Salzderhelden.

Ab 2027 wird im Literaturhaus zudem der renommierte Evangelische Buchpreis verliehen, den das Evangelische Literaturportal gemeinsam mit der Hanns-Lilje-Stiftung ausschreibt.

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