Aus unserem neuen Jahrbuch: Unheimliche Sehnsucht nach Stabilität

Nachricht 23. September 2026

Wie lassen sich gespaltene Gesellschaften versöhnen? Thore Güldner (SPD) und Karoline Czychon (CDU) im Gespräch

Thore Güldner, 30, religionspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, und Karoline Czychon, 28, Landesvorsitzende der Jungen Union, begannen jeweils als Jugendliche ihre politische Laufbahn. (Foto: Jens Schulze)

Die christlichen Nationalisten in den USA seien getrieben von Sehnsucht nach Rache an der liberalen Gesellschaft, schreibt der Buchautor Arnd Henze. Sehen Sie auch in Deutschland unerfüllte Sehnsüchte, die Wähler in die Radikalität treiben?

Karoline Czychon: Nach meinem Gefühl gibt es bei den Deutschen eine unheimliche Sehnsucht nach Stabilität – bei all den Krisenherden in der Welt. Denn auch unsere Gesellschaft ist gespalten, insbesondere in der jungen Generation. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 hat jeder Zweite eine Partei am Rand des politischen Spektrums gewählt – die Linke oder die AfD. Und die SPD und CDU haben ungefähr gleich schlecht abgeschnitten. Da müssen wir uns natürlich fragen: Warum dringen wir mit unseren Ideen der Mitte nicht mehr durch?

Thore Güldner: Ja, das ist die Frage. Aber wenn es so nicht geht – wie denn dann? Das ist total schwierig geworden. Vor fünf Jahren hätte ich noch gesagt: Eine Entwicklung, wie die USA sie derzeit durchmachen, wäre bei uns in Deutschland nicht möglich. Heute bin ich mir da nichtmehr so sicher. Dabei sind  wir in Deutschland mit unserem Parteiensystem ganz anders aufgestellt. Bei uns gibt es sehr viel mehr Nuancen.

Karoline Czychon: In den USA spalten politische Meinungsverschiedenheiten
die Familien, und Social-Media-Debatten gehen vollkommen aneinander vorbei, weil Fakten darin keine Rolle spielen. Das habe ich selbst erlebt, weil ich beruflich und privat häufig in den USA bin. Davon sind wir noch ein Stück weit entfernt. Aber auch in Deutschland bereitet mir die Entwicklung Sorgen.

Wie kommt es zu dieser Polarisierung?

Thore Güldner: Ich glaube, das hat viel mit der gesellschaftlichen Entwicklung insgesamt zu tun. Ich komme ja vom Dorf, und ich weiß, dass sich das Dorfleben in den vergangenen 15 Jahren sehr verändert hat. Früher waren die Menschen stärker an Parteien gebunden, sie engagierten sich in Vereinen. Heute sitzt man abends in seinem kleinen Häuschen mit der Familie zusammen. Die Medien geben den Ton vor, und die Gesellschaft lässt sich davon anstecken. Die aktuellen politischen Themen werden in Schwarz oder Weiß diskutiert, und so driftet die Gesellschaft auseinander.

Karoline Czychon: Die Kulisse, vor der gesellschaftliche Themen heute verhandelt werden, kann manchmal toxisch sein – in der Gesellschaft, in
der Politik, in den Parteistrukturen und Medien. Die Bundesregierung setzt
ja auch viel Gutes um. Das wird aber in den Medien kaum thematisiert. Auch darum hat in früheren Regierungen mehr Stabilität geherrscht.

Sie beide sind angetreten, um in dieser polarisierten Gesellschaft für Ihre politischen Ideen zu werben. Welche Erfahrung machen Sie?

Karoline Czychon: Ich stehe zu meiner Meinung, und ich kann es aushalten,
wenn jemand eine andere Meinung hat. Aber natürlich habe ich auch schon erlebt, dass Leute nur deshalb an meinen Wahlstand kommen, weil sie einfach mal ihren Senf loswerden wollen. Ich habe auch schon Gespräche abgebrochen, weil ich gemerkt habe: Das führt zu nichts. Mein Gegenüber will mir gar nicht zuhören. Hier will jemand irgendwie seinen Hass loswerden, das ist alles.

Thore Güldner: In Social Media ist das noch schwieriger. Da ist für Argumente überhaupt keine Zugänglichkeit da. Im persönlichen Gespräch ist es  vergleichsweise einfach, solche Situationen aufzulösen. Weil man ansprechbar ist. Weil man Leuten zuhört, die sich sonst ungehört fühlen. Wenn man auch nur eine einzige Person davon überzeugen kann, eine demokratische Partei zu wählen, dann ist schon viel gewonnen.

Was wünschen Sie sich persönlich?

Thore Güldner: Manchmal habe ich schon die Sehnsucht, Leuten zu sagen: »Ey, was bist du nur für ein Idiot«. Aber als Politiker sollte man sowas lieber für sich behalten. Ich hoffe einfach, dass unser Land friedlich bleibt, dass wir demokratisch und miteinander im Gespräch bleiben. Man kann ja inhaltlich streiten und debattieren, und hinterher trotzdem einen Kaffee zusammen
trinken. Das muss auch in Zukunft weiter funktionieren. Sonst haben die
Menschen den Eindruck, dass Politik nur Streit ist. Denn in Deutschland
läuft ja auch vieles sehr gut. Die wirtschaftliche Situation ist besser als
in vielen anderen Ländern, und man kann öffentlich ohne Angst seine Meinung sagen. Ich wünsche mir, dass wir das wieder zu schätzen lernen.

Karoline Czychon: Ich habe Sehnsucht nach Ruhe und Zuhören. Dass wir wieder lernen, wieder mehr in uns zu gehen. Auch in kleinen Alltagssituationen. Auch ich selbst ertappe mich ja manchmal dabei, wie aufgebracht ich bin. Und dann denke ich: Warum eigentlich? Ich glaube, da müssen wir alle miteinander wieder ein bisschen lösungsorientierter werden.

Mehr zu unserem neuen Jahrbuch