Aus unserem neuen Jahrbuch: »Schreib die Welt nicht ab. Schreib sie um!«

Nachricht 30. September 2026

Die Präsidentin von Brot für die Welt, Dr. Dagmar Pruin, ruft zur Solidarität mit den Betroffenen auf.

Dr. Dagmar Pruin bei der Preisverleihung des Landeswettbewerbs Ev. Religion (2025), der vom Religionspädagogischen Institut Loccum ausgerichtet und durch die Hanns-Lilje-Stiftung gefördert wird. (Foto:Jens Schulze)

Viele Menschen schotten sich ab vor Krisen und Kriegen. Die Präsidentin von Brot für die Welt, Dr. Dagmar Pruin, ruft zur Solidarität mit den Betroffenen auf.

Sehnsucht – dieses leise, manchmal verzehrende Ziehen im Inneren – ruft uns zu bekannten und unbekannten Orten und Menschen. Sie zieht uns zu einem Bild von der Welt und einem Zusammenleben, das wir bereits erlebt haben, oder in eine Zukunft, die wir uns erträumen. Sehnsucht entsteht im Zwischenraum zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Sie ist ein inneres Drängen, das uns auffordert, die Welt nicht so zu lassen, wie sie ist, sondern sie sich so vorzustellen, wie sie sein könnte – und sie entsprechend zu gestalten.

In einer Zeit, die von Unsicherheit, Gewalt und wachsenden Ungleichheiten
geprägt ist, ist diese Sehnsucht nicht bloß ein romantisches oder gar zu vernachlässigendes Gefühl: Sie ist Antrieb, Gewissen und Prüfstein zugleich. Eine meiner Sehnsüchte als Präsidentin von Brot für die Welt ist einfach
und radikal zugleich: Ein Leben in Würde für alle Menschen. Die Würde,
als Zustand und als Recht, als Maßstab politischen Handelns, als Bedingung
unserer Solidarität und unserer Menschlichkeit.

Die menschliche Würde ist kein juristisches Schlagwort allein. Alle Menschen sind gleichermaßen im Bild Gottes geschaffen: Das Menschsein eines jeden Menschen wird bedingungslos anerkannt und zur Grundlage der biblischen Ethik. In Würde zu leben, heißt deshalb auch: genug zu essen zu haben, Zugang zu Gesundheit, zu Bildung und Schutz vor Gewalt, politische Teilhabe und die Chance, die eigene Zukunft zu gestalten. In Würde zu leben, heißt, nicht Objekt fremder Interessen, sondern das Subjekt eigener Lebensentwürfe zu sein. Ein Leben in Würde ist nicht nur das private Glück des Einzelnen: In einer vernetzten Welt bestimmt sich das eigene Leben unentziehbar über die Lebensumstände der Nächsten – auch der fernen Nächsten. Wirtschaftlich, klimatisch, politisch. 

Die Welt, wie sie ist.

Unsere Gegenwart ist widersprüchlich. Fortschritt und Vernetzung haben viele Möglichkeiten geschaffen. Zugleich erleben wir immense Verwerfungen. Selbst dort, wo die Menschen über Jahrzehnte in Sicherheit gelebt haben, erleben wir wachsende Ungleichheit und Verunsicherung infolge weltweiter Krisen und Kriege. Gleichzeitig erleben wir politische Debatten, die von starker Polarisierung, von einem »Wir« gegen »Die« und von einer Rhetorik des Eigennutzes und des »Deals« geprägt sind. In diesem Duktus wird auch über geflüchtete Menschen geredet, über Klimapolitik, über Handelsabkommen, über den Sinn und Zweck von Entwicklungspolitik.

Als kirchliches Werk sehe ich Brot für die Welt hier in der Verantwortung, zu einer Veränderung der Perspektive beizutragen. Wir sehen zunächst das Leben, die Würde und das Schicksal jedes einzelnen Menschen. Wir werben für Mitmenschlichkeit und für Solidarität mit dem Schwächeren und vertreten die Überzeugung, für die im Übrigen auch die Erfahrung spricht, dass wir Herausforderungen besser gemeinsam als gegeneinander bewältigen werden.

Sehnsucht als Prüfstein und Antrieb

Wir sehen im Globalen Süden Menschen und Gesellschaften, die unter Kriegen, Hunger, Folgen der Klimakrise und ökonomischer Verwundbarkeit leiden. Allein die Kriege in der Ukraine, im Sudan und im Nahen und Mittleren Osten sind Beispiele dafür, wie schnell Lebensentwürfe zerstört und Gemeinschaften zerrieben werden können. Oft begleitet diese Erfahrungen ein zweites Unrecht: das ignorante Wegsehen jener, die Macht und Mittel hätten, zu helfen. Sie tun es nicht. Allein schon der Kampf um ein Hinsehen wird immer schwieriger, von dem daraus abgeleiteten Handeln ganz abgesehen.

Dabei sind unsere Schicksale miteinander verflochten. Durch die Menschenwürde, die uns allen verbrieft ist. Durch das Menschsein. Durch den kulturellen Austausch, durch Handels- und Klimapolitik, Finanzströme, Exportentscheidungen. Alles ist mit allem verbunden. Unser Ziel muss sein, dass allen Menschen ein Leben in Würde möglich ist.

Der Weg zu einem Leben in Würde für alle Menschen kann nicht Entmündigung bedeuten. Es müssen jene einbezogen werden, die die Wirkung von Entscheidungen kennen: Gemeinschaftsvertreter*innen, lokale Partnerorganisationen, Gemeinden vor Ort, Betroffene. Nur so verhindern wir, dass Lösungen von oben verordnet werden. Wir wollen einen partnerschaftlichen Weg gehen. Und wir wollen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Ein  Leben in Würde bedeutet vor allem, selbst zu bestimmen, wie die eigene Zukunft aussieht.

Diese Sehnsucht fordert auch einen Perspektivwechsel: weg von kurzfristiger Kosten-Nutzen-Rechnung, hin zu langfristiger Solidarität. Investitionen in Resilienz, Bildung, nachhaltige Landwirtschaft und Zivilgesellschaft stehen im Mittelpunkt der Zusammenarbeit von Brot für die Welt mit Partnern im Globalen Süden, sie sind Prävention und politische Versicherung gegen Destabilisierung.

Genau deswegen sind Kürzungen der Entwicklungsfinanzierung ein großes
Risiko. Kurzfristige Sparpläne aus Angst vor politischem Gegenwind sparen
keine künftigen Kosten. Brot für die Welt hat in den vergangenen Jahrzehnten
ein bedeutsames Netz von wirkungsvollen Partnerschaften aufgebaut. Deutschland riskiert, mit den aktuell anstehenden finanziellen Kürzungen Vertrauen und vor allem Fortschritte zu verlieren! Die Fundamente für ein Leben in Würde von Millionen von Menschen sind in Gefahr, wenn Deutschland und andere Staaten weiter bei der Entwicklungszusammenarbeit kürzen.

Können wir alleine leben?

Als Christ*innen stellen wir die Frage: Wie passt diese Abschottung zur Botschaft von Nächstenliebe und Barmherzigkeit, zur Idee der Gottesebenbildlichkeit, zu einer globalen Schöpfungsgemeinschaft? Der christliche Glaube lässt uns nicht stillsitzen, wenn Menschenwürde verletzt wird.

Sehnsucht ohne Handlung bleibt ein sentimentales Seufzen. Sie wird wirksam,
wenn sie in aktives Tun übersetzt wird: durch politische Prioritätensetzungen, durch verbindliche Einbindung lokaler Stimmen und durch Mut zu Umverteilung dort, wo sie Menschenwürde wiederherstellt. Das verlangt nicht nur technische Lösungen, sondern kulturelle Veränderungen: den Mut, langfristig zu denken, Verantwortung zu teilen und Solidarität praktisch zu leben.

Sehnsucht kann lähmen oder antreiben. Ich wähle den Antrieb. Schreib die Welt nicht ab, schreib sie um! Dieser Aufruf von Brot für die Welt ist ein Aufruf zur Verantwortung. Nimm das Heft des Handelns in die Hand: Beginne dort, wo Würde am stärksten verletzt ist. Dinge können sich zum Guten wenden, wenn wir gemeinsam handeln. Unsere Partner im Globalen Süden sind wunderbare Vorbilder dafür, wie Wandel für eine bessere Zukunft gelingen kann.

Uns verbindet die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Das ist kein abstraktes Ideal, sondern Kern der biblischen Botschaft. Wenn wir dieser  Sehnsucht Priorität geben, verwandelt sich leises Ziehen in handfestes Gestalten.

Kriege, Krisen, Kürzungen

Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen, nachhaltige Landwirtschaft fördern: Das gehört zu den Zielen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Doch während das Vermögen der weltweit knapp 3.000 Milliardärinnen und Milliardäre 2024 auf rund 15 Billionen US-Dollar gestiegen ist, müssen fast 3,6 Milliarden Menschen mit weniger als 6,85 US-Dollar pro Tag auskommen. Gleichzeitig hat die Bundesregierung den Etat des  Entwicklungsministeriums von 2024 bis 2026 um mehr als 1,3 Milliarden Euro gekürzt – auf nun 9,94 Milliarden Euro.

Brot für die Welt, das Hilfswerk der evangelischen Landeskirchen und Freikirchen, unterstützt weltweit rund 3.000 Projekte für Ernährungssicherung, Bildung und Gesundheit, Demokratie, Gleichstellung und Naturschutz.