Aus unserem neuen Jahrbuch: Von Walen und Menschen

Nachricht 28. Oktober 2026

Eigentlich wurde der »Pavillon der Hoffnung« nur für die Expo 2000 gebaut. Doch für den Unternehmer Lutz Ahlers ist der Expowal zum Seelenort geworden.

(Foto: Jens Schulze)

Natürlich hatte Lutz Ahlers den »Pavillon der Hoffnung« schon während der Weltausstellung im Jahr 2000 besichtigt. Und natürlich hatte das langgezogene Bauwerk mit der Form eines Walkörpers seine Wirkung schon damals nicht verfehlt. Doch im November 2004 wurde der Expowal sein zweites Zuhause.

Nach der Weltausstellung wurde die Eventlocation »Expowal« vom Landesverein für Innere Mission übernommen. Und in der Familie Ahlers gab es einen traurigen Anlass für einen »Walsonntag«, diese sehr besondere Art von Gottesdienst, die dort seitdem abgehalten wurde: Die Mutter von Lutz Ahlers’ Ehefrau war verstorben. Das Paar saß in dem lichtdurchfluteten Saal und lauschte den Worten der Predigt, die eine Textzeile von Udo Lindenberg zum Thema hatte: »Hinterm Horizont geht’s weiter«. Durch die breite Fensterfront ließen die beiden ihre Blicke über das Naturschutzgebiet schweifen, das sich hinter dem Gelände der Messe Hannover erstreckt. Und sie sahen, wie der Expowal seine kunstvoll gestaltete stählerne Schwanzflosse über den kleinen See hinter dem Pavillon erhob. »Wir haben einfach nur dagesessen«, erinnert sich Lutz Ahlers. »Und es tat gut.«

Im Raum Hannover kennt man Lutz Ahlers anders: als agilen Geschäftsmann
aus einer traditionsreichen Kaufmannsfamilie – ein Riese von Gestalt, mit  kräftigem Händedruck und breitem Lachen. Die zehn Standorte, deren Eigentümer er ist – fünf Rewe- und fünf Nahkauf-Märkte –, beschäftigen insgesamt 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. »Wenn ich erzähle, dass ich die Gottesdienste im Expowal besuche, dann glaubt mir das keiner«, sagt er. »Offensichtlich entspreche ich so gar nicht dem Bild des typischen  Kirchgängers.«

Auch der Expowal entspricht nicht dem Bild eines typischen Gotteshauses.

Anstelle eines Kirchenschiffs gibt es einen ovalen Saal mit höhlenartig gewölbtem Dach, der dem Inneren eines Wals nachempfunden ist. Für Musik sorgt eine Band, für das leibliche Wohl gibt es einen Gastrobereich. Denn nach den »Walsonntagen« wird gemeinsam Mittag gegessen. Für Lutz Ahlers ist das Engagement im Expowal heute ein Ehrenamt, das er mit  Leidenschaft ausfüllt. Bei Veranstaltungen ist er tatkräftig dabei, als Ansprechpartner für betriebswirtschaftliche und zwischenmenschliche Fragen ist er nicht mehr wegzudenken.

Symboltier mit Tiefenwirkung

Lutz Ahlers und Peer-Detlev Schladebusch (Foto: Jens Schulze)

Unterbewusstsein, Naturverbundenheit, Spiritualität, Transformation: Seit Menschengedenken ist der Wal ein mächtiges Symbol – und das in vielen Kulturen. Wie mächtig, das hat sich gerade erst im März 2026 gezeigt, als der Buckelwal »Timmy« an der deutschen Ostseeküste strandete, und nach einer hoch emotionalen, aufwendigen und äußerst umstrittenen Rettungsaktion schließlich doch verstarb.

Über diesen kollektiven Hype schüttelt Lutz Ahlers staunend seinen Kopf. Dabei wird der Geschäftsmann selbst emotional, wenn es um Wale geht. Auf seinen Reisen durch Alaska, Kanada und Neuseeland hat er sie beobachtet. »Das macht was mit einem.« Pastor Peer-Detlev Schladebusch ahnt, warum: »Der Wal steht für Hoffnung. Dem Buckelwal Timmy haben die Menschen ja den Zweitnamen Hope gegeben. Und den Expowal gibt es immer noch, obwohl er ursprünglich nach der Weltausstellung abgebaut werden sollte.« Schladebusch ist seit 2026 Geschäftsführer des Landesvereins für Innere Mission in der Landeskirche Hannovers, der Träger der Eventlocation Expowal ist. Unter anderem organisiert er seit über 20 Jahren Klosterseminare für Manager und Führungskräfte, die im hektischen Alltag Einkehr und Neuanfang versprechen.

Genau darum geht es auch in der Geschichte von Jona, erzählt  Pastor Schladebusch, »dem widerwilligsten Propheten des Alten Testaments«. Anstatt Gott Folge zu leisten und die lasterhaften Menschen von Ninive zum Guten zu bekehren, floh er über das Meer, ging über Bord und wurde von einem riesigen Meeresbewohner verschluckt. »Das Innere eines Wals stelle ich mir stinkig und glitschig vor. Sicherlich hat Jona sich WLAN gewünscht, oder wenigstens ein Fenster.« Doch er lernte das Beten und kam zu sich. Zurück an Land geschah etwas, mit dem er selbst am wenigsten gerechnet hätte: Die Leute in Ninive befolgten seine Worte.

Woher? Wohin? Und warum?

Auch Lutz Ahlers möchte gerne Gemeinschaft gestalten: »Das Stückchen Welt, das ich beeinflussen kann, möchte ich besser verlassen, als ich es vorgefunden habe.« Ein Rückzug ins Kloster aber ist nichts für ihn. Der Geschäftsmann ist ein Gruppentyp, der zupacken will.

In seinem Familienwohnsitz in Gestorf Springe geht es immer lebendig zu, erzählt er. Außer der vierköpfigen Kernfamilie leben dort ständig weitere Untermieter. Für einen jungen Mann aus Tansania, eine Zufallsbekanntschaft seines Sohnes, hat der Unternehmer eine Bürgschaft und
Versicherungen übernommen, um ihm einen Berufsstart in Deutschland zu ermöglichen.

Auch im Ehrenamt Expowal gibt es gerade viel zu tun. Der Bau, der ja ursprünglich nur für die Expo-Monate gedacht war, ist renovierungsbedürftig.
Doch die Zukunftsfragen drehen sich nicht nur um Geld, sondern auch um die junge Generation. »Es zählt doch das Miteinander, und nicht, seine Beauty für Social Media zu verbessern«, sagt Lutz Ahlers. Er wünscht sich, dass mehr junge Leute das Innere des Expowals als ihren Seelenort entdecken. »Hier kommen einem die tieferen Sinnfragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Warum sind wir überhaupt hier?« 

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