Dem Himmel ein Stück näher

- die Heilig-Geist-Kirche von Alvar Aalto in Wolfsburg

Der Blick wandert automatisch an die Decke.

Eine sanfte Welle aus warmem Holz und schneeweißem Beton trägt die Augen der Besucher mit sich fort. 

Wolfsburger Heilig­Geist­Kirche

Die Wolfsburger Heilig-­Geist­-Kirche entwarf der finnische Stararchitekt Alvar Aalto. Sie wurde 1962 eingeweiht.

„Sie fühlen sich angezogen durch diese Welle.

Es ist wie ein Sog. Sie stehen da und sind begeistert“, erklärt Dagmar Schnabel die Wirkung der dynamischen Deckenkonstruktion. Die ehemalige Kirchenvorsteherin führt durch die Heilig-Geist-Kirche in Wolfsburg-Klieversberg, ihre Kirche. Sehr schlicht, sehr elegant und unglaublich hell. „Hier fühle ich mich dem Himmel jedes Mal ein Stückchen näher“, schwärmt die 67-Jährige. Die Kirche entwarf der finnische Architekt Alvar Aalto – einer der berühmtesten Designer des vergangenen Jahrhunderts. Damals, Mitte der 1950er-Jahre. Auch aus heutiger Sicht ist es eine Sensation, dass eine neugegründete Wolfsburger Kirchengemeinde einen finnischen Stararchitekten verpflichtete. Egon Meyer, pensionierter erster Gemeindepastor, erinnert sich an das Treffen mit dem weltbekannten Designer: „Nachdem wir gegessen hatten, nahm Aalto eine Papierserviette und zeichnete mit seinem Stift diese geschwungene Linie, die jetzt die Decke der Kirche bildet. So wollte er unsere Kirche bauen.“ Die schwungvolle Ideenskizze auf der Serviette war der Ausgangspunkt für einen modernen Sakralbau, der heute zu den wichtigsten Baudenkmalen Niedersachsens zählt.

Die Skizze auf der Serviette

Mit seinem Design beabsichtigte Aalto, Mensch und Natur miteinander zu verbinden. Das gelang ihm in der Heilig-Geist-Kirche eindrucksvoll mit der organischen Form der Decke und mit den riesigen Fensterfronten, die die äußere Welt und das Licht in den Innenraum holt. „Das war es auch, was den Menschen als erstes auffiel, als die Kirche fertig war“, sagt Egon Meyer. „Diese große Lichtfülle; ein Kirchenraum, der so hell war wie das Außen, das war für alle etwas total Neues und Ungewöhnliches.“ Neben der Klarheit und Offenheit begeisterte auch die reduzierte Raumgestaltung. Aalto war davon überzeugt, dass Schlichtheit eine geistige Atmosphäre viel mehr verstärken würde und hundertmal schöner sei „als eine ornamentale Verzierung eines meterhohen Altarbildes“.
Das gefiel auch Hanns Lilje. Der Landesbischof war damals als Weihender vorgesehen, musste aber kurzfristig absagen. Wenige Monate später holte er am Volkstrauertag seinen Besuch im Kirchenneubau nach. Lilje zählte die Heilig-Geist-Kirche später zu seinen Lieblingskirchen. Und er hatte den Vergleich. Während seiner Amtszeit weihte er Dutzende Kirchen ein. Mittlerweile sind viele von ihnen wieder verschwunden oder entwidmet worden. Dagegen begeistert die Aalto-Kirche bis heute Gottesdienstbesucher und Touristen: aus den USA, den skandinavischen Ländern, Japan, Schweiz, Österreich – und natürlich Dagmar Schnabel.

Kirchen-Bauboom in Niedersachsen

In der Amtszeit Bischof Liljes und darüber hinaus wurden mehr Kirchen gebaut als in den fünf Jahrhunderten zuvor. Kein Wunder: Viele Kirchen lagen nach dem 2. Weltkrieg in Trümmern. Und der Zustrom der Flüchtlinge aus Osteuropa ließ die Zahl der Einwohner in Niedersachsen nach dem Krieg auf rund 6,25 Millionen anwachsen – das war etwa ein Drittel mehr als vor dem Krieg. Bis Ende 1970 kamen noch einmal 900.000 Bewohner hinzu.
Die ersten Bauten waren so genannte Notkirchen aus Holz und Trümmersteinen, die durch Spenden von Christinnen und Christen aus den USA errichtet wurden. Dazu kamen Wiederaufbauten in den stark zerstörten Innenstädten – und schließlich Neubauten, wie die Heilig-Geist-Kirche, die in rasant wachsenden Städten wie in Wolfsburg entstanden.


Quelle: Jahrbuch 2016 / 2017 der Hanns-Lilje-Stiftung, S. 23 ff., herausgegeben von Prof. Dr. Christoph Dahling-Sander

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