KIRCHEN IN NIEDERSACHSEN - Evangelische Zeitung | Sonntag, 2. Oktober 2016 | Nr. 40 SG

Eine bewegende Biografie in Bildern

Alben und Ordner, Tagebücher und Tonbänder – der Nachlass des ehemaligen Landesbischofs Hanns Lilje soll digitalisiert werden

Bisher befand sich der Nachlass des ehemaligen Landesbischofs Hanns Lilje in privater Hand. Nun hat seine Tochter das Erbe der nach ihrem Vater benannten Stiftung überlassen – rechtzeitig vor Liljes 40. Todestag und 70 Jahre nach seiner Wahl zum hannoverschen Landesbischof.

Alben und Ordner, Tagebücher und Tonbänder – der Nachlass des ehemaligen Landesbischofs Hanns Lilje
erzählen: Hanns Lilje-Tochter Ortrud Hafermann und ihr Ehemann Eggo sortieren Zeugnisse, die Geschichten über den Landesbischof. (Foto: Michael Eberstein)


Von Michael Eberstein
Hannover. Christoph Dahling-Sander kniet vor einem Dutzend Kartons. „Ein Schatz, der jetzt gehoben werden kann“, sagt der Sekretär der Hanns-Lilje-Stiftung zu den Alben, Ordnern und Ton- bändern darin – ein Geschenk der Lilje-Tochter Ortrud Hafermann.

Es ist der bisher in privater Hand befindliche Nachlass des ehemaligen Landesbischofs Hanns Lilje. Seine Tochter hat ihn der nach ihrem Vater benannten Stiftung überlassen – rechtzeitig vor Liljes 40. Todestag und 70 Jahre nach seiner Wahl zum hannoverschen Landesbischof. Alles soll digitalisiert wer- den, um es der Nachwelt zu erhalten und wissenschaftlich nutzen zu können.

Von einer „Biografie in Bildern“ spricht Dahling-Sander. Es gebe zwar schon viele offizielle Fotos von Hanns Lilje, der von 1947 bis 1971 Landesbischof war und zahlreiche weitere leitende Funktionen, auch international wahrgenommen hat. Das landeskirchliche Archiv verfüge über viele Unterlagen und Bilder, doch jetzt erst könne die Samm- lung vervollständigt werden.

Da sind zum Beispiel die Urkunden über die neun Ehrendoktorwürden, die Lilje im Laufe seines Lebens erhielt. Oder ein Foto, das ihn hoch zu Ross, nein, Kamel, bei einem Zwischenstopp auf der Rückreise aus Indien in Kairo zeigt. Die Reise hatte Lilje 1929 als Generalsekretär der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung angetreten.

Zum „Schatz“ gehören auch Tagebücher im DIN-A-6-Format. In gestochen scharfer Schönschrift hat Hanns Lilje seine Erinnerungen darin festgehalten. Darunter sind auch kriegsbegeisterte Gedichte aus dem Ersten Weltkrieg. Aber nicht deswegen wurde Lilje später als zu militärfreundlich kritisiert. Es war vielmehr sein Eintreten für eine Wiederbewaffnung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, das ihm den Ruf als „NATO-Bischof “ einbrachte.

Dies kostete ihn auch die Wahl zum Vorsitzenden des (damals noch gesamtdeutschen) Rats der Evangelischen Kirche. Die ostdeutschen Kirchen lehnten ihn ab, gewählt wurde schließlich der Ostberliner Präses Kurt Scharf, Lilje blieb Stellverteter (1949 bis 1967) sowie von 1955 bis 1969 leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Später beurteilte er seine Rolle bei der Beteiligung der Kirche an der Wiederbewaffnung anders: „Wir sind in der NATO. Punkt. Ich habe das nicht erfunden, ich habe aber auch keinen Anlass ge- funden, dagegen zu sein.“

Aus solchen Bemerkungen wird deutlich, was Wegbegleiter Liljes an dem aufrechten Theologen schätzten – klare, knappe Aussagen. So waren auch seine Predigten, er habe nicht frömmelnd formuliert, heißt es, und Bibel- und andere Zitate nur maßvoll eingesetzt. Als Gründer und Herausgeber des „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts“ sorgte er auch für einen neuen Ton in der (kirchlichen) Publizistik.

Nicht nur Theologen, sondern Journalisten und moderne Blattmacher holte Lilje in die Redaktion. „Letztlich ging es ihm aber bei allem, was er tat, um Verkündigung“, erinnert sich Hartmut Badenhop, ehemaliger Landessuperintendent in H annover, nachzulesen in der jüngsten Ausgabe des Jahresberichts der Hanns-Lilje-Stiftung.

„Ein Bischof muss predigen können“, befand Lilje denn auch, als er am 17. April 1947 als Nachfolger von August Marahrens zum hannoverschen Landesbischof gewählt wurde. Noch im selben Jahr nahm er die Arbeit im Exekutivkomitee des Lutherischen Weltbunds (LWB) auf, dem er bis 1972 angehörte. Von 1952 bis 1957 war er sogar Präsident des LWB. 1948 war Lilje zudem b ei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) in seinen Zentralausschuss gewählt worden.

In diesen Ämtern erwies er sich als „prägnanter Repräsentant der Kirche – und das im Verständnis der gesamten christlichen Kirche“, schreibt Lilje-Biograf Johannes J. Siegmund. Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Archivaufnahmen Liljes, die ihn mit Staatsoberhäuptern wie Kaiser Hirohito aus Japan oder dem US-amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower zeigen.

Im Jahresbericht der Stiftung wird auch an das wohl dunkelste Kapitel in Liljes Leben erinnert: seine Haft in den letzten Monaten der Nazi-Herrschaft. Zwar hat sich Lilje mit öffentlicher Kritik am NS-Staat zurückgehalten, doch gab er die „Junge Kirche“ heraus, ein Mitteilungsblatt der „Bekennenden Kirche“ und engagierte sich im Widerstand gehen die „Deutschen Christen“. Und seine Predigten und Vorträge – mitunter vor Tausenden Zuhörern – sowie seine (seelsorgerischen) Kontakte zum bürgerlichen und militärischen Widerstand machten ihn in den Augen des Regimes verdächtig.

Es blieb schließlich nicht bei Rede- und Reiseverboten. Am 19. August 1944 wurde Hanns Lilje von Gestapo-Männern verhaftet. „Gesichter und Gehabe sind eindeutig genug durch ihren Beruf geprägt“, erinnert sich Lilje 1947 in seinem Buch „Im finstern Tal“. Am 18. Januar 1945 wird er wegen Landesverrats zu vier Jahren Haft verurteilt, die er in Nürnberg absit- zen soll. Die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof empfand er als „Farce“, den Vorsitzenden Richter Roland Freisler als „Un- getüm der NS-Justiz.“ Im Mai wurde Lilje aus dem Gefängnis befreit – viele seiner Mithäftlinge aber waren tot.

Liljes Erinnerungen „Im finstern Tal“, die schon mehrfach und in zahlreichen Übersetzungen veröffentlicht wurden, erscheinen dieser Tage zur Frankfurter Buchmesse in einer Neuauflage. Das Geleitwort dazu hat wieder Horst Hirschler geschrieben, wie schon in einer früheren Ausgabe. Der „BilderSchatz“, den Ortrud Hafermann der Hanns-Lilje-Stiftung überlassen hat, gehört noch nicht dazu, ebensowenig wie zu der neuen, breit angelegten Biografie, die der Theologe und Journalist Ralph Ludwig in der Portraitreihe des Berliner Wichern-Verlags zeitgleich veröffentlicht.

„Darin gibt es durchaus auch kritische Anfragen zur Wirkmacht der Theologie Liljes bis heute“, macht Christoph Dahling-Sander Appetit auf diese Neuerscheinung.

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