Aschermittwoch der Künste

In der evangelischen Kirche gibt es seit 1998 Initiativen zum „Aschermittwoch der Künste.“ Im Mittelpunkt steht der Dialog von Kirche und Kunst.

Einladende sind das Landeskirchenamt, das Haus kirchlicher Dienste mit dem Arbeitsfeld „Kunst und Kultur“ und die Hanns-Lilje-Stiftung.

Aschermittwoch Kostia Rapoport

 

14. Aschermittwoch der Künste
Aschermittwoch der Künste 2012

 

Aschermittwoch 2012

Zwei Violinen, eine Viola und ein Violincello: klassische Besetzung eines Streichquartetts. Doch die vier von "Quartett PLUS 1“ sitzen nicht im Halbkreis beieinander. Sie bewegen sich durch das Kirchenschiff des Münsters St. Bonifatius zu Hameln. Mit ihren Instrumenten. Spielend. Stücke von Vladimir Godar (* 1956), Philipp Glass (* 1937), Frangis Ali-Sade (*1947), Gregorio Allegri (1582-1652), Arvo Pärt (* 1935) und Terry Riley (*1935). Unterschiedliche Regionen dieser Welt, unterschiedliche religiöse Traditionen – reduziert auf "Minimal Music“. Sphärisch wabern die Töne durch den sakralen Raum, begegnen sich, schleichen an den Wänden entlang, brechen einander. Doch der Raum ist anders als sonst: Das "PLUS 1“ in diesem Quartett aus Hildesheim und Berlin hat den Raum gestaltet: trockenes Laub auf dem Boden, frisches, grünes Gras auf dem Altar. Das Münster gewinnt eine neue Wirklichkeit.

 

Noten - mitten im Publikum. Bild Jens Schulze Musik kann Menschen nach Ansicht des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister in einer immer rastloseren Welt zum Innehalten bewegen. Niemals zuvor wurde in einer so beschleunigten und mobilen Zeit wie der heutigen gelebt, sagte der evangelische Bischof im Hamelner Münster. Doch mit Hilfe der Musik könnten die Menschen den Alltag loslassen und zu Gott finden. Die größte evangelische Landeskirche hatte zum 14. Mal gemeinsam mit der Hanns-Lilje-Stiftung zu einem "Aschermittwoch der Künste" eingeladen. Erstmalig wird diese traditionelle Begegnung an Aschermittwoch mit zeitgenössischen Künstlern auf die Musik fokussiert. Jahr der Kirchenmusik in der hannoverschen Landeskirche: Gottesklang 2012.

Musikalische Kunst vor gestalteter Kunst. Bild: Jens Schulze

Die Begegnung mit Künstlern bleibt Programm am ersten Tag der Fastenzeit, weiß der Landesbischof: "Ob die Künstler die Buße nötiger haben als andere Berufsgruppen und Daseins-Existenzen? Ich glaube nicht. Doch eine künstlerische Existenz ist passioniert. Sie ringt oft existentiell mit der Deutung von Leben, sie greift direkt ins eigene Leben hinein. Passion als Leiden und Leidenschaft. Bei Künstlerinnen und Künstlern, so erlebe ich es, enger verbunden als für manch andere. Ein Künstler ist ein Ausgesetzter; er ringt um die Worte, schafft Bilder und Klänge. Der Aschermittwoch als existenzieller Ruf umzukehren, das passt zu der Bewegung, sich immer wieder neu aufs Spiel zu setzen.“ Und beendet seine Rede, die als "Modulation“ in die Musik hinein gesprochen wird, mit dem Gruß: "Es gibt Aufbrüche, auch wenn wir ihnen nicht immer gewachsen sind. Und manchmal kann man von diesen Aufbrüchen, in der Musik hören. Manchmal kann man davon lesen: In guten Texten. Den Künstlerinnen und Künstlern sei Dank dafür.“ Das Psalom von Arvo Pärt erklingt.

Säule statt Notenständer. Bild: Jens Schulze

Julia Helmke, Kunstbeauftragte im Haus kirchlicher Dienste hat begrüßt. Der Aschermittwoch bedeute einen Perspektivenwechsel, hat sie zu Beginn gesagt. Die Perspektive im Hamelner Münster ist ungewohnt: Die schweren Sessel, die sonst im Kirchenschiff stehen, fein säuberlich auf den Altar und den Hohen Chor ausgerichtet, mussten weichen. Einfache Klappstühle, zwar geordnet, aber doch nicht ausgerichtet, zwingen die etwa 180 geladenen Gäste in unterschiedliche Richtungen zu schauen. Die Musiker sind mal dort und mal hier – gehen durch den Raum und spielen, lassen anklingen, nehmen auf, kommunizieren. "Wir sind Vorübergehende, Traceure. Diesem Prozess in der Musik zu folgen löst uns von der Erwartung auf die Tonika. Immer wieder sucht man den cantus firmus, Kadenzen, Sequenzen und findet sie nicht, nicht so wie erwartet. Vermisst Wiederholungen, Motivvariationen. Es bleibt eine musikalische Erfahrung des Fragments. Darin überzeugt diese minmial music.“ So erklärt Ralf Meister diese Musik, die doch nach seinen eigenen Worten nicht erklärt werden muss.

Münsterraum begegnet Kultur. Bild: Jens Schulze

Zuvor hat der Superintendent von Hameln, Philipp Meyer, erinnert, dass das Münster vor 1200 Jahren gegründet wurde. "Licht am Fluss“ ist das Jubiläumsjahr überschrieben – aber an diesem Tag machen die Töne vom "Quartett PLUS 1“ das Licht aus. Und sie spielen vor der Installation "Licht am Fluss“ des Künstlers Werner Koch (* 1937). Nicht seine erste Installation in dem Münster an der Weser. Doch am Aschermittwoch nehmen die Töne den Raum ein: "Musik, die mich trifft. Die, wie in diesem Kirchenraum, den Weg von verschiedenen Seiten zu meinem Ohr und auch zu meinem Herz findet. Sie thematisiert die Dauer, die Fragen von Zeitstrukturierung und Zeitwahrnehmung, der "Prozess“. Im Gegensatz zu Musikstücken, wo das fertige Werk im Mittelpunkt steht, geht es bei der Minimal Music um das Prozesshafte in der Musik, ihre Entwicklung in der Zeit und das Erzeugen eines Hörzustandes, der sich nach und nach oft minimal verändert.“ So interpretiert Ralf Meister.

Landesbischof Ralf Meister. Bild Jens Schulze

Er würdigte in diesem Zusammenhang das 1987 von John Cage komponierte Orgelkonzert "ORGAN2/ASLSP". Das auf 639 Jahre angelegte Werk wird seit elf Jahren in einer ehemaligen Klosterkirche im sachsen-anhaltischen Halberstadt aufgeführt. Jährlich kämen rund 10.000 Besucher zum längsten Konzert der Menschheitsgeschichte, sagte der Theologe. Das Konzert, das so langsam wie möglich gespielt werde, stehe in starkem Kontrast zum Hören als schnellste sinnliche Wahrnehmung. "Was hier technisch-handwerklich entstanden ist, öffnet eine Weite im eigenen Inneren."

Und in die Töne, die vom "Quartett PLUS 1“ mit Katharina Pfänder, Guido Eva, Maria Pache und Lisa Stepf gespielt werden, mischt sich – von der Orgelempore gesprochen – Worte aus dem Aschermittwochspsalm. Psalm 51 gesprochen in lateinisch und deutsch: "Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünde nach deiner großen Barmherzigkeit.“

Psalm 51 - lateinisch und deutsch. Bild: Jens Schulze

Aschermittwochsgedanken in einem Raum, der allein schon durch die Musik für kurze Zeit zum Innehalten eingeladen hat – und sich ausgegrenzt hat aus der Alltagshektik politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Wirklichkeit. Die Musik schafft neue Gegenwart und der Psalm ordnet die Gedanken. Er hilft, Erfahrenes besser zu verstehen.

So wird Landesbischof Ralf Meister konkret: "Psalm 51 ist ein Schuldbekenntnis. Das ist nicht mehr in Mode. Es geht in den Verfehlungen unserer Repräsentanten und Idole nicht um Vergebung, sondern um eine weiße Weste. Es wird dementiert, es wird retuschiert und kaschiert. Die Skandale, die viele Menschen in unserem Land bewegen, sind ein Trauerspiel. Sie sind ein Trauerspiel, nicht, weil es hier um menschliches Versagen oder um Schuld geht. Nein, sie sind ein Trauerspiel, weil sie die Unfähigkeit zur Trauer dokumentieren. Sie sind ein Trauerspiel, weil Schuld, Buße und Umkehr in unserem gesellschaftlichen Leben kaum noch einen Platz haben.“ Und die Musik erklingt wieder, nimmt die Gedanken mit.

Danach werden im Seitenschiff Kartoffelsuppe oder Gemüsesuppe gereicht, Wasser und weißer Wein. Und es bleibt Zeit für Gespräche. Über das Gehörte. Das Erlebte. Begegnung der Kirche im Jahr der Kirchenmusik "Gottesklang 2012“ mit zeitgenössischer Musik und zeitgenössischen Gedanken. Die evangelischen Kirchen in Deutschland feiern dieses Jahr im Vorfeld des Luther-Jubiläumsjahres 2017 mit zahlreichen Konzerten und Großveranstaltungen das Jahr der Kirchenmusik. Und so zitiert Ralf Meister den Reformator, aber nicht zum Thema Musik: "Dieses Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden. Keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden. Kein Wesen, sondern ein Werden. Keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht, werden es aber."

Text: EMSZ, Fotos: Jens Schulze

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