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„Ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden“

Experten diskutieren bei einer Debatte der Hanns-Lilje-Stiftung in Hannover über die Situation des Patienten im digitalisierten Gesundheitssystem


epd-Artikel von Stefan Korinth

Ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden

Beim Hanns-Lilje-Forum in der Neustädter Hof- und Stadtkirche debattierten Ärzte, Forscher und Software-Unternehmer über die Digitalisierung im Gesundheitssystem. Die pointiertesten Aussagen traf dabei der bekannteste der Diskutanten: Der Arzt und TV-Moderator Eckard von Hirschhausen.


Eckard von Hirschhausen war eigentlich als Moderator in die hannoversche Kirche gekommen. Doch anders als sonstige Vertreter der Moderatorenzunft füllte der erfahrene TV-Mann und Buchautor die Rolle mit deutlichen Meinungsäußerungen und zahlreichen humoristischen Beiträgen aus.

Hirschhausen machte dem Publikum in der voll besetzten Kirche sehr schnell deutlich, dass er die zunehmende Nutzung digitaler Technik in der Medizin kritisch sieht – zumindest wenn es um das zwischenmenschliche Verhältnis von Patienten und Heilberufen geht. „Zu viele Ärzte schauen heute zuerst auf den Bildschirm anstatt in die Augen des Patienten“, kritisierte er. „Ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden oder von einer App gefragt werden, wie es mir geht.“

Im Wort behandeln stecke nicht umsonst der Wortstamm „Hand“. Der größte Beitrag zur Heilung sei immer noch analog – und zwar die Pflege durch Fachpersonal und Angehörige, betonte er. „Der digitale Beitrag zur Heilung wird überschätzt.“

Scharfe Kritik an Renditelogik im Gesundheitssystem

Mehr noch als mit der Digitalisierung hat Hirschhausen aber ein Problem mit dem Gewinnstreben im Gesundheitswesen generell. Und beides hängt zusammen. Seit den 1980er Jahren hätten sich Kliniken und andere Akteure der Gesundheitsbranche immer stärker den Empfehlungen fachfremder Wirtschaftsberater unterworfen, erläuterte er. Diese machten immer neue Einsparpotenziale aus, die einem wachsenden Profit im Wege standen. Pflegetätigkeiten wurden auf die Sekunde durchgetaktet, Zeit für Gespräche zwischen Personal und Patienten reduziert.


Da sei es logisch gewesen, dass Fachkräfte eingespart wurden und die Verantwortlichen stattdessen auf Technik setzten. Dabei ist es für die Heilung viel besser, wenn der Patient seine Medizin von einem Menschen erhalte, sagte der Arzt. Nachgewiesenermaßen verbessere dies die Wirksamkeit von Medikamenten um gut ein Drittel als wenn sie durch eine Maschine verabreicht würden.

Entstanden ist ein „zynisches“ Gesundheitssystem, dass nur noch dann heilt, wenn es damit dauerhaft Geld zu verdienen gibt, sagte Hirschhausen. Und er berichtete von einem Hepatitis-C-Medikament, das Betroffene heute für rund 7000 Euro komplett heilen kann. Medizinisch und menschlich wunderbar – doch aus betriebswirtschaftlicher Sicht katastrophal. Denn sobald alle geheilt seien, gebe es auch keine neuen Ansteckungen und damit auch keine weiteren Verdienstmöglichkeiten mit dem Medikament mehr. Wirtschaftsberater rieten dem Pharmaunternehmen deshalb zur Entwicklung lediglich lindernder Medikamente, die man dafür dauerhaft verkaufen könne.

„Es ist ein Skandal, dass gegen dieses System nicht lauter protestiert wird“, rief Hirschhausen. Ursprünglich lauteten die Grundwerte des Gesundheitssystems Gastfreundschaft und Nächstenliebe. Daher stammten wortgeschichtlich auch Begriffe wie „Hospital“ oder „Charité“. Doch in welchen modernen Kliniken spüre man noch diese Grundwerte? Stattdessen sei die Rendite im heutigen Gesundheitswesen übermäßig wichtig geworden.

Die Ideologie des unendlichen Wachstums ist falsch, betonte Hirschhausen. Sie zerstört unsere Gesellschaft und den gesamten Planeten. „Aus der Medizin wissen wir: Unendliches Wachstum führt zum Tod. Wenn im Körper etwas unaufhörlich wächst, dann ist das Krebs.“

„Jesus machte keine Fernbehandlung“

Noch ein weiterer prominenter Arzt war auf dem Podium vertreten: Eckard Nagel, vielen auch bekannt als Kirchentagspräsident 2005 in Hannover und als Mitglied des deutschen Ethikrates. Auch der langjährige Chefarzt befürchtet, dass die Digitalisierung des Menschen immer mehr zum Statisten werden lässt. Just am Tag nach der Debatte hob der Deutsche Ärztetag das sogenannte „Fernbehandlungsverbot“ größtenteils auf. Ärzten war es bis dahin verboten, Patienten telefonisch oder am Bildschirm zu behandeln.

Nagel verwies darauf, dass viele Ärzte bislang der Ansicht waren, die persönliche Begegnung, also die körperliche Untersuchung gehöre zwingend zum Arzt-Patienten-Verhältnis. „Ein Arzt muss den Patienten im wahrsten Sinne des Wortes begreifen.“ Nagel verwies sogar auf das Neue Testament. Auch hier beruhe Heilung immer auf persönlicher Begegnung. Jesus machte keine Fernbehandlung. Vertrauen sei ein entscheidender Behandlungsfaktor. „Vertrauen Sie Ihrem Handy?“, fragte er. Viele Menschen hätten heute Gesundheits-Apps auf ihren Smartphones installiert, die bestimmte Übungen anbieten oder Werte messen. Laut Nagel sind die meisten dieser Apps nur „Spielerei“ und dienten der Sammlung von Nutzerdaten, die die Anbieter wiederum gewinnbringend verkauften.

Doch der technische Fortschritt habe auch positive Entwicklungen gebracht. Nagel berichtete von der bionischen Forschung in Hannover, die Spinnenseide für Operationen nutzbar mache. So könnten aus Spinnenseide beispielsweise OP-Schrauben hergestellt werden, die sich nach einer Weile im Körper selbst auflösen. So werde keine zweite Operation wie bisher zur Schraubenentfernung nötig. Es gibt mehr Beispiele: EKGs werden heute automatisch von Computern ausgewertet, Ärzte könnten viel präziser mit OP-Robotern operieren, künstliche Intelligenz erforscht seltene Krankheiten.

Wissenschaftler: Digitalisierung ist zwiespältig


Ebenfalls zu Gast waren zwei Wissenschaftler: die Bayreuther Medizinethikerin Bettina Schmietow und der Berliner Pflegewissenschaftler Christian Dahlmann. Schmietow betonte die Ambivalenz neuer Technologien wie Gesundheits-Apps, Fitness-Armbänder oder ähnlichem. Einerseits gebe es Missbrauchspotenzial bei den Nutzerdaten. Besonders nicht-zertifizierte Anwendungen seien unsicher. Aber die Digitalisierung eröffne eben auch große Chancen.

Dahlmann bestätigte die Zwiespältigkeit auch für den Pflegebereich. Pflegeroboter könnten das Personal entlasten, so nutzten auch andere Länder mit besseren Personalquoten die Vorteile der Digitalisierung. Aber menschliche Pflege habe entscheidende Vorteile. Etwa können Pfleger einen veränderten Gesundheitszustand bei Patienten wahrnehmen und reagieren oder die Stimmung eines Patienten aufhellen. Roboter können das (noch) nicht.

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