Landeswettbewerb Ev. Religion

Schülerinnen und Schüler in der Auseinandersetzung mit religiösen Fragen

Der Schülerlandeswettbewerb wird in Kooperation mit dem Religionspädagogischen Institut Loccum veranstaltet.

Preisverleihung in der Marktkirche, Hannover
Preisverleihung in der Marktkirche, Hannover
















Erinnerung

Neue Ausschreibung für das Schuljahr 2012 / 2013

 

Der von der Hanns-Lilje-Stiftung initiierte und geförderte Wettbewerb soll Schülerinnen und Schüler anregen, sich aus religiöser Perspektive mit Fragen zur Kategorie „Erinnerung“ auseinanderzusetzen. Organisiert wird der Wettbewerb durch das Religionspädagogische Institut Loccum.

 

Themenstellungen für die Wettbewerbsprojekte können aus allen Bereichen stammen, die sich dem Oberthema „Erinnerung“ zuordnen lassen. Hier nur einige Anregungen und Beispiele:

  • Von der Taufe bis zur Abiturfeier: Der Erinnerungswert von Übergangsfesten
  • Virtuelle Gedenkstätten: Die Trauerbegleitung von morgen?
  • Traditionen im Wandel: Weihnachten in der Erinnerung verschiedener Generationen
  • Das Grenzlandmuseum. Auf den Spuren des geteilten Eichsfelds
  • „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Das Abendmahl aus der Sicht von Gottesdienstbesuchern der Ev. Kirchengemeinde in N.
  • Roboter zum Kuscheln? Umgang mit Demenz im Seniorenzentrum in W.


Der Wettbewerb bietet die Möglichkeit, einer individuellen Fragestellung zum Thema intensiv nachzugehen. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist in einem Portfolio zu dokumentieren. Das geforderte Portfolio basiert auf eigenen Recherchen, Begegnungen oder Erkundungen im Rahmen von Projektarbeit. Eine entscheidende Wettbewerbsleistung besteht in der Reflexion des Entstehungsprozesses.

In den vergangenen Jahren haben sich bei jeder Ausschreibung mehrere hundert Schülerinnen und Schüler aus Niedersachsen an dem Wettbewerb beteiligt.

Ausgelobt sind Preisgelder in Höhe von insgesamt 3.000,- Euro und 100 Büchergutscheine im Wert von insgesamt 3.000,- Euro. Die Anmeldeunterlagen sind ab August 2012 beim RPI Loccum erhältlich.

Das Internet kann der Erinnerungskultur dienen

Marianne Birthler, Schirmherrin des Landeswettbewerbs Ev. Religion im Interview

Marianne Birthler, geboren 1948 in Berlin, trat in der Bürgerrechtsbewegung offen gegen die DDR-Diktatur ein, war Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Solidarische Kirche“ und nach der friedlichen Revolution Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer und Sprecherin von Bündnis 90.

Auch nach der Wiedervereinigung war sie als Politikerin aktiv, unter anderem als Bildungsministerin von Brandenburg. Von 2000 bis 2011 leitete sie in Nachfolge Joachim Gaucks die Stasi-Unterlagen-Behörde. Für Ihre Verdienste in der Bürgerbewegung wurde Marianne Birthler 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und Ihr hohes ehrenamtliches Engagement erhielt sie 2011 das Große Verdienstkreuz mit Stern.

„Erinnerung“ steht gegenwärtig wieder hoch im Kurs, wir erleben geradezu einen Boom der Erinnerungskultur. Warum ist Erinnerung so wichtig?

Die Vergangenheit ist ein Teil von uns, alles was wir sind und was uns umgibt, hat seine Geschichte. Sich nicht erinnern wollen ist deshalb so etwas wie ein Nein zu sich selbst und zur Welt. Ich finde es schön, dass Sie von „Erinnerungskultur“ sprechen, denn es zeugt von Kultur, vom Wunsch nach Selbst-Bewusstsein, wenn Menschen wissen wollen, woher sie kommen und was früher geschehen ist. Das Erinnern hat unendlich viele Ausdrucksformen und ist ein wichtiger Teil unserer Kultur.

Von Marcel Proust stammt der Satz, gemeinsame Erinnerungen seien die besten Friedensstifter. Stimmen Sie dem zu?

Da fallen mir natürlich sofort langjährige Freunde ein, mit denen zusammen ich schon sehr viel erlebt habe. Das verbindet sehr, und so ein gemeinsamer Erinnerungsschatz kann im Konfliktfall durchaus helfen. Allerdings besteht auch die Gefahr, sich manche Erinnerungen schön zu reden oder sich mit der Beschwörung gemeinsamer Erfahrungen gegen andere oder gegen neue Erfahrungen abzuschotten.

Sie haben DDR-Geschichte nicht nur erlebt, sondern selbst mitgeschrieben. Können Sie eine Situation oder ein Ereignis schildern, das für Sie prägend war und Sie oder Ihr Handeln bis heute bestimmt?

Ach, wo fang ich denn da an? Als erstes kommt mir der Abend des 9. Oktober 1989 in den Sinn. Mehr als zweitausend Menschen waren in der mit Sicherheitskräften und Wasserwerfern umstellten Gethsemanekirche in Berlin versammelt. Wir hatten Angst um unsere verhafteten Freundinnen und Freunde und fürchteten, dass die an diesem Tag in Leipzig stattfindende Montagsdemonstration blutig enden würde. Doch es kam anders. Die Demonstration in Leipzig verlief friedlich, und auch in Berlin fand die Gewalt gegen Demonstranten ein Ende. Wir waren erleichtert und glücklich und voller Hoffnung. Die SED und ihre Handlanger waren auf dem Rückzug, wir hatten es geschafft! Manchmal, wenn mir heute eine Situation ausweglos erscheint, fällt mir dieser Abend ein: Mitten in der Angst und Ratlosigkeit kann ein Wunder geschehen. Es ist ein bisschen wie Ostern.

Was ist entscheidender für das Verständnis von Geschichte: Der private Raum, die Familie, das individuelle Erinnern oder das kollektive Gedächtnis durch Schule, Gesellschaft und öffentliche Bildung?

Im Idealfall ergänzt sich das alles. Nach meiner Erfahrung wächst Verständnis von Geschichte auf verschiedene Weise gleichzeitig: Durch lebendige und sachgerechte Informationen und die Bereitschaft, sich Kenntnisse anzueignen, durch offene Debatten, durch die Begegnung mit Zeitzeugen, entweder persönlich oder auf dem Umweg über Filme oder Literatur, aber auch durch gemeinsames Erinnern, zum Beispiel an Gedenktagen oder –orten. Natürlich hilft es sehr, wenn jemand schon in der Familie dieses Interesse an der Vergangenheit kennenlernt, erst recht, wenn die Eltern ehrlich und offen mit ihrer eigenen Geschichte, auch mit ihren Irrtümern und Umwegen, umgehen. Manchmal habe ich aber auch schon erlebt, dass es andersherum läuft: Die neugierigen Fragen der Jungen bringen die Älteren zum Nachdenken und Erzählen.

Ihr politisches Handeln war oft mit vielfältigem kirchlichem Engagement verbunden. Was können die Kirchen oder die jüdisch-christliche Tradition für die Demokratie, für einen reflektierten Umgang mit der Geschichte leisten?

Erstens als Vorbild. Es gibt gute Beispiele dafür, dass sich auch Kirchen und Gemeinden offen und kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Und zweitens durch Angebote. All das, wovon eben die Rede war, also Information, Begegnung und Rituale des Erinnerns – kann und sollte auch in den Gemeinden Platz haben.

Für Religionen wie das Christentum oder das Judentum ist Erinnerung konstitutiv: Die Feier, die Liturgie, die Ingebrauchnahme jahrhundertealter Texte halten das lebendig, worauf sich der Glaube gründet. Verhindert Erinnerung Erneuerung?

Da lassen wir doch mal Goethe zu Worte kommen: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last; Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“ So verstanden gehören Erinnerung und Erneuerung zusammen.

Das Internet hat nicht nur grundlegend Einfluss auf die Formen unserer Kommunikation, auch Geschichte wird neu und anders medial aufbereitet. Manche sagen, unser Erinnerungsvermögen verkomme dadurch zum „Google-Gedächtnis“. Wie verändert sich kollektive Erinnerung im digitalen Zeitalter?

Da kann ich nur vorsichtige Vermutungen anstellen. Klar verleitet der schnelle Zugang zu Informationen dazu, sich manchmal zu schnell zufrieden zu geben und einen Sachverhalt, eine Erläuterung einfach zu übernehmen statt sie durchzuarbeiten und zu überprüfen. Und manche mediale Aufbereitung geschichtlicher Ereignisse setzt zu sehr auf den schnellen Effekt und bleibt deshalb oberflächlich oder verfälscht sogar. Aber ich sehe auch eine große Chance darin, sich im Netz zu informieren und zu diskutieren. Ich persönlich möchte jedenfalls das Internet nicht missen, und ich finde es gut, wenn es auch für die Erinnerungskultur genutzt wird.

In Deutschland hat geschichtliches Bewusstsein einen hohen Stellenwert. Jugendliche allerdings sind der Thematisierung etwa der NS-Zeit nicht selten überdrüssig. Gibt es auch ein „Zuviel“ an Erinnerungskultur?

Nach meiner Erfahrung entsteht Überdruss immer dann, wenn Jugendlichen immerzu Fragen beantwortet werden, die sie gar nicht gestellt haben. Oder wenn Geschichte unkonkret vermittelt wird oder zur Routineangelegenheit verkommt. Oder anscheinend nichts mit ihrem Leben zu tun hat. Dagegen kann man was tun, aber das ist nicht jedem Erwachsenen und auch nicht jedem Lehrer gegeben. Aber ich räume gern ein: Es ist nicht einfach, bei einem Menschen, der innerlich gerade mit ganz anderen, auch wichtigen Dingen beschäftigt ist, Brücken zu bauen und Interesse zu wecken. Da unterscheiden sich Jugendliche und Erwachsene gar nicht so sehr.


Der Landeswettbewerb Ev. Religion wird durchgeführt vom Religionspädagogischen Institut Loccum in Zusammenarbeit mit der Hanns-Lilje-Stiftung.

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