Im Zweifel können Rituale helfen

Bischof i.R. Wolfgang Huber und der Schriftsteller Navid Kermani beendet die Lilje-Forums-Reihe „Lust und Last des Zweifels“

Hildesheim – „Die Kälte ist aller Zweifel Anfang“, versuchte Moderator Stefan Schaede zu Beginn der Diskussion in der Michaeliskirche die Heizungspanne mit Humor zu nehmen. Seine Gesprächspartner – Bischof i.R. Wolfgang Huber und der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani – saßen im Mantel neben ihm. Analytisch kühl blieb denn auch die letzte Diskussion der Reihe „Lust und Last des Zweifels“, zu dem das Hanns-Lilje-Forum in diesem Jahr eingeladen hatte.


Den einleitenden Impuls gab Kermani mit einer Lesung aus einem seiner Bücher. Es berichtet von seiner gottesfürchtigen Tante, die in seiner Familie „fast wie eine Heilige verehrt“ wurde. Als sie hochbetagt wie ein „hautbespanntes Skelett“ ein Jahr sterbend im Bett lag, war es ihr peinlich war, so gesehen zu werden – und dennoch bettelte sie um Begleitung. Vor allem aber zweifelte sie an ihrem Gott, von dem sie sich verlassen fühlte.
Hieran knüpfte auch der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Huber. Zweifel könne entweder zu Ver-Zweifelung führen oder zu Weisheit. Zweimal habe er Menschen erlebt, die im Sterben sagten: „Gott hat mich verlassen“. Erst wenn es gelinge, das Gefühl des Vergessenseins zu überwinden, sei dies der Anfang der Weisheit. Huber verglich die Religion mit Naturwissenschaften. Dort gebe es auf jede Antwort zehn neue Fragen: „Warum sollte das bei der Religionswissenschaft anders sein?“


Beide, Huber wie Kermani, kamen immer wieder auf Hiob zurück. „Zweifel macht nicht los von Gott“, sagte Kermani. Selbst wenn die Menschen an Gott haderten, hielten sie an Ritualen fest. „Wer beten kann, ist nicht sprachlos.“ Auch er bleibe im Leid nicht passiv, „sondern tue, was zu tun ist, was Gott befohlen hat. Dann greife ich auf Rituale zurück, selbst wenn ich sie nicht verstehe.“ Die Bedeutung von Ritualen bekräftigte auch Huber, sie seien unauflöslich mit der Religion verbunden. Rituale zeigten, dass Gott nicht vergessen sei. „Es war einer der größten Irrtümer zu glauben, es sei besonders evangelisch, auf Rituale zu verzichten“, räumte der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende ein.


Huber empfahl die Lektüre des Judas-Briefs: „Seid barmherzig mit den Zweiflern“. Dies sollte Grundsatz einer christlichen Theologie sein, „auch mal ein Ansatz einer Reform“. Weiter räumte er ein, dass ihn eher der Zweifel an den Menschen als an Gott beschäftige. Kermani hielt dagegen, dass ihm „das Kreuz keine befriedigende Antwort gibt, warum Gott Leid und Unrecht zulässt.“ Selbst Jesus sei darauf keine Antwort.


Gerade dann, etwa am Sterbebett, meinte Huber, seien Rituale hilfreich, etwa das Beten des Psalms 23. Und um dem Zweifel an der Gerechtigkeit Gottes zu begegnen, sei es wesentlich, Unrecht nicht einfach geschehen zu lassen. Er führte als Beispiel die Bruderschaft von Taizé an. Sie habe die Attentäterin, die ihren Gründer und Leiter, Frère Roger, getötet hat, in Gebet und Fürbitte aufgenommen.   

(Michael Eberstein)

Aktuell

Interaktive Wanderausstellung macht Station in Hannover vom 29.05. bis 24.06.2017

Die Ausstellung „Religramme. Gesichter der Religionen“ startete im...

Weiterlesen

- die Heilig-Geist-Kirche von Alvar Aalto in Wolfsburg

Der Blick wandert automatisch an die Decke. Eine sanfte Welle aus warmem Holz und...

Weiterlesen

Er wurde hineingeboren in eine Zeit des Umbruchs: Als Hanns Lilje 1899 in Hannover das Licht der Welt erblickte, waren gerade erst die drahtlose...

Weiterlesen

„Einer Remilitarisierung können wir das Wort nicht reden, weder was den Westen noch was den Osten anbelangt.“ Mit dieser Stellungnahme wandte sich der...

Weiterlesen